Lodge in the City

So heißt das Hostel, in dem ich in Wellington seit Anfang Dezember arbeite. Auf der Suche nach einem Job habe ich an einem Tag alle Hostels in Wellington abgegrast und meinen CV vorbeigebracht. Gleich am nächsten Tag kam ein Anruf von der Lodge, und ich hatte ein Gespräch mit Marissa, der Managerin. Am nächsten Tag kam dann schon die Zusage, und einen Tag später sollte ich auch schon anfangen. Soweit so gut. Little did I know, what I was getting into…

Kurz vor dem Interview habe ich noch mal einschlägige Seiten im Internet nach Reviews über die Lodge befragt und habe mit dem Schlimmsten gerechnet. Beim Interview habe ich mich dann etwas umgeschaut und fand das alles doch gar nicht so schlimm. Scheinbar hat man bei der Jobsuche keine funktionierenden Sinne mehr, wie sich später herausstellen sollte. Am Anfang war es auch noch gar nicht so dramatisch.

Eine kurze Beschreibung der Lodge: Sie liegt mitten im Stadtzentrum Wellingtons, 5 Minuten (wenn überhaupt) Fußweg zu den Partymeilen, 10 Minuten zum Supermarkt, Bus zum Bahnhof direkt vor der Tür. Das Hostel hat insgesamt 250 Betten. Aufgeteilt in 2 10-Bett-Zimmer, dann 8-, 6-, 4-Bett Zimmer und jeder Menge Zweibettzimmer. Diese werden auch als Einzelzimmer verkauft. Die Betten im 10er Zimmer haben einen unglaublich günstigen Preis von $18 pro Nacht (sogar nur $15, wenn man Mitglied in Neuseelands Hostelclub ist). Für Wellington (und generell in Neuseeland) ist das richtig günstig.

Ok, hört sich doch alles nicht so schlimm an, mag sich der ein oder andere Leser an dieser Stelle denken. (Dieser Leser hat dann anscheinend noch nicht auf die Links oben geklickt, die zu den Hostelbewertungen führen.) Was ist denn nun so schlimm?

Die Badezimmer
Seit Jahren nicht renoviert, und dank eines gering motivierten Putztrupps auch zu fast jeder Tageszeit in einem gefährlich unhygienischem Zustand. Wenn im ersten Stock zulange geduscht wird, fängt es, an in der Küche zu tropfen. Der Kommentar vom Handwerker auf meine Frage hin, ob man die Duschkabine nicht lieber schließen sollte: “Och ne, das passt schon”. Die Behandlung vom Schimmel in den Badezimmern wurde wohl vor ein paar Monaten mal mit “einfach drüber streichen” als erledigt markiert. Natürlich ist der Schimmel wieder da, und die Farbe blättert schön ab, sodass es immer so aussieht, als ob es in den Badezimmern schneit. Mittags wird übrigens geputzt, aber wenn wir voll ausgebucht sind (was jetzt schon ein paarmal vorkam), merkt man davon schon gegen 18 Uhr nichts mehr.

Die Küche
Heimat von so vielen Fruchtfliegen, dass ein Putzen der Küche schon rein aus Tierschutzgründen nicht mehr möglich ist. Ok, so schlimm ist es nicht. Ja, es gibt Fliegen. Aber nicht immer. Dennoch kann die Küche problemlos mit den Badezimmern um den ersten Platz in der Kategorie “unangenehmster Ort im Hostel” kämpfen. Warum? Die Arbeitsflächen sind gefliest, leider ist die Fläche uneben, was das Arbeiten darauf erschwert. Natürlich sind viele Fliesen gebrochen. Der Sandwichtoaster ist nackt. Also, jeder Anti-Haft-Belag ist jedenfalls davon abgekratzt. Der Toaster lässt sich nur mit Gewichten dazu bringen, seinen Dienst zu verrichten. Ein wildes Sammelsurium aus Tellern, Tassen und Besteck wäre ja noch charmant, wenn nicht immer mindestens ein wichtiges Teil fehlen würde. Töpfe und Pfannen gibt es ja, in jeglichen Zuständen, nur nicht in “funktionierend”. Entweder ist der Griff locker (oder schon ganz ab), der Boden uneben oder diverse Schichten früherer Mahlzeiten sind schon so fest angebrannt, dass sie einfach nicht abgehen. (Seltsamerweise hält das manche Gäste nicht davon ab, sie noch zu benutzen.) Das größte Problem, das die Küche hat, ist aber die Disziplin unserer Gäste. Abwaschen? Ne, ich doch nicht! Dafür hat das Hostel doch die Reinigungskräfte. Ja ok, ich kann alle zwei Stunden mal in die Küche gehen und versuchen, das Chaos zu beseitigen, aber irgendwann ist die Rezeption so beschäftigt, dass ich einfach nicht dazu komme. (Wenn ich es dann mal zwei Stunden nicht in die Küche geschafft habe, kapituliere ich sowieso schon vor der Mammutaufgabe, die man dann schon nicht mehr nur “Abwasch” nennen kann.) Die Spülen (so richtig schön große) sind meist mit Essensresten verstopft, sodass sich eine schöne Brühe sammelt. Also heißt es meist, mit der Bürste bewaffnet, den Arm reinhalten und auf Ausgrabungsexpedition gehen.

Die Zimmer
Der eigentlich positivste Teil im ganzen Haus. Bis auf den muffeligen Teppich. Aber die Betten sind ok, manche Matratzen sind mit harten Federn ausgestattet, aber meist ist es ja eh nur eine Nacht, die die Leute hier schlafen, das halten die schon aus. Klar, in den 10- und 8-Bett-Zimmern ist es eng, aber daran sind die Backpacker gewöhnt. Wir haben drei Stockwerke und sogar einen funktionierenden Aufzug (dafür aber mit sympathischen Macken, manchmal braucht er einen Tritt, um zu funktionieren). Vom ersten Stock kann man ihn gar nicht erst rufen.

(Und nun der Höhepunkt:)
Die Bewohner
Weil das Hostel so viele Einzel-/Zweibettzimmer hat und Backpacker notorisch schlecht bei Kasse sind, um sich pro Nacht $53/$66 leisten zu können, vermietet das Hostel auch an Langzeitgäste. Wellington ist eine recht teure Stadt (auf die Mieten bezogen, ist schließlich die Hauptstadt und nicht besonders groß), und wir sind noch verhältnismäßig günstig. Einige “Longtermer” (Gäste, die länger als einen Monat bleiben) zahlen noch $150 pro Woche für ein Einzelzimmer (ohne eigenes Bad), weil sie schon so lange da sind. Es gibt Longtermer, die schon seit über einem Jahr hier sind. Manche sogar fast schon zwei Jahre. Die Lodge hat nun mal einen gewissen Ruf, und die Longtermer bemühen sich nach Kräften, diesen aufrechtzuerhalten. Der Ruf eines Partyhostels. In Neuseeland ist ja alles etwas lockerer, aber da das Management bisher einen äußerst lockeren Kurs gefahren hat, benehmen sich die Longtermer, wie es ihnen gerade passt. Rauchen im Zimmer? Klar doch! Abwaschen? Ich doch nicht. Laute Musik im Hof? Auf jeden Fall! Haschischkonsum? Von morgens bis abends!

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Eine verschlossene Tür, die den Weg zum Dach versperrt? Wird eingetreten! Ein Tisch aus Massivholz, von mind. 100 Bierflaschen besiedelt, wird umgekippt! Bierflaschen auf dem Boden? Wegkicken! Aschenbecher benutzen? Nein!

Das verwunderlichste: Miete zahlen? Auch: Nein!

Teilweise haben die Leute hier Mietschulden über $1000! Einige machen sich dann aus dem Staub, andere stottern ab. Aber das Management ist einfach zu wohlwollend gewesen. Nach einigen strengen Briefen (und dem ein oder anderen Rauswurf) zahlen jetzt fast alle brav. Eine Woche Rückstand ist jetzt schon die Seltenheit.

Nicht alle Longtermer sind unangenehme Gäste, aber die meisten. Sie benehmen sich unverschämt gegenüber den Mitarbeitern, verhalten sich respektlos gegenüber Backpackern und geben teilweise ein furchtbares Erscheinungsbild ab. Schreien in der Lobby rum, trinken Bier ab 10 Uhr morgens, fläzen sich auf der kompletten Couch und machen sonst nicht viel anderes. Für einige Backpacker ist das schon ein befremdender Anblick.

Die Hälfte der Longtermer hat keinen Job und lebt von der Hilfe von WINZ (Arbeitsamt). Ein paar Härtefälle haben wir auch. Erstaunlich viele haben schon mal für länger ein Gefängnis von innen gesehen oder sie sind für verschiedene Delikte bei der Polizei bekannt. Der Polizei könnten wir fast schon ein Zimmer hier anbieten, so oft, wie die vorbeischauen.

Da wir zentrumsnah sind, kommen manchmal auch Nicht-Bewohner zu Besuch. Unsere Tür ist immer offen und die Rezeption kann bei 250 Betten und ständig wechselnden Gästen auch nicht alle kennen. Die gehen dann wie selbstverständlich ins Hostel, nutzen die Einrichtungen, malen hier und da alles mit Graffiti zu oder richten sich im Feuerausgang häuslich ein.

Die Mitarbeiter
Die Managerin – eigentlich eine nette Person, sehr umgänglich, aber unsagbar vergesslich, inkonsequent und noch viel zu jung. Die Rezeption beherrscht sie super und sie kann auch mit den Gästen gut umgehen – aber sobald es dazu kommt, Geld einzutreiben oder eine wichtige Entscheidung zu fällen oder Regeln (wie “keine Drogen”) durchzusetzen verfällt sie in die neuseelandtypische gleichgültige Lebenseinstellung “sweet as”. Diese Redewendung kommt immer dann zum Einsatz, wenn man etwas bestätigen will oder einem etwas egal ist. Sie verbringt gerne schon mal zwei Stunden ihrer Arbeitszeit damit, ihrem Handy hinterher zu telefonieren. Gerne kommt sie auch mitten in der Nacht nach dem Feiern ins Hostel (sturzbetrunken, mit blutendem Fuß..), um zu arbeiten. Schreibt dann wütende Nachrichten ins Mitteilungsbuch.

Ein anderer Kollege der Rezeption wohnt, wie ich, hier im Hostel und ist mit allen befreundet. Sitzt während seines Dienstes und in seiner Freizeit gerne bei den Gästen, ignoriert das Fehlverhalten der Gäste nicht nur, sondern legitimiert es quasi, da er sich als Mitarbeiter selber genauso verhält (wäscht nicht ab, raucht da, wo es nicht erlaubt ist usw.).

Die einzige Kollegin, mit der ich eine Freundschaft aufgebaut habe, hat nun die Koffer gepackt und fährt mit meinem Auto auf der Südinsel rum, um dann im März in Australien ein Work and Holiday Urlaub anzufangen.

Ich glaube während des Lesens haben sich wohl alle gefragt: Wieso arbeitest du denn noch da? Darauf könnte ich antworten: Nun ja, diese Stelle trainiert mich in vielen Bereichen:
Kundenservice
Diplomatie
Sozialarbeit
Erste Hilfe
Multi-Tasking (2 Telefone, 20 Gäste und ein kaputter Computer)

und nicht zuletzt bezahlen sie mir Gehalt, und ich kann zu einem vergünstigten Preis in meinem eigenen Zimmer wohnen.

Aber ich könnte genauso antworten: Ich weiß es nicht.
Ein Working Holiday Jahr sollte eigentlich Spaß machen. Mir macht der Job hier auch Spaß! Allerdings überwiegt der stressige Teil doch meist deutlich. Nun ja, ich bleibe hier erst einmal bis Mitte März, dann fliege ich nämlich für eine Woche nach Australien (an dieser Stelle ein kleines JIIIIPPPPPIIIIIEEEEEEEEEHHHHHH!) Naja, hauptsächlich bleibe ich hier, weil der Job sicher ist und es in Neuseeland doch relativ schwer ist, Arbeit zu finden. Das kann sich natürlich alles schnell ändern, aber aktiv nach einem anderen Job (in Neuseeland oder sonstwo) suche ich erst nach dem Australien Urlaub.

Ein weiterer Grund hier nicht aufzuhören: der Blog. Man erlebt hier so viele, fast schon unglaubliche Stories, die ich euch nicht länger vorenthalten will. Wir hätten da Bert, den schizophrenen Briten, der seiner Meinung nach beim britischen Geheimdienst arbeitet und der zuverlässige Quellen habe, dass etwas Schlimmes bei der Lodge passieren würde. Anja, die Kanadierin, die mit ihrem 7-jährigen Sohn für einen Mann nach Neuseeland kam, vor dem sie nach nicht mal einer Woche schon wieder geflohen ist – danach wollte sie ihr Gepäck unter meinem Bett lagern, für unbestimmte Zeit. Obaid, der junge Däne, der aussieht wie ein Araber, aber in London aufwuchs und nun die permanente Aufenthaltsgenehmigung in Neuseeland hat, zeichnet sich durch Goldzahn und die Vorliebe, auf andere Gäste loszugehen aus. Außerdem hat quasi jeder unserer Longtermer, eine Geschichte zu liefern….

Das alles in den nächsten Wochen hier!

Zum Abschluss noch ein Zitat von meiner Kollegin, die jetzt gerade auf der Südinsel rumfährt, als Antwort auf die Frage, warum sie denn ihren Job in der Lodge gekündigt hat:

“My boss is a 22 year old idiot, the place is one strong gust of wind from falling apart, the owner is a douchey slumlord who wears snakeskin boots and sunglasses inside, the guests are drunks who have molested me physically and made obscene suggestions to me on the job…. there’s way more, but I think that’s enough for now. Plus, I want to travel more”